BILDUNG IN BEVERUNGEN
WILLKOMMEN IM WESERBERGLAND

Faschismus und soziale Frage

Ein Interview mit dem VVN-Bundesvorsitzenden Dr. Ulrich Schneider


Dr. Ulrich Schneider ist seit über 40 Jahren Gewerkschaftsmitglied, Historiker und Bundessprecher der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten" (VVN-BdA). Wir bedanken uns bei ihm für seinen Besuch im Bildungszentrum Beverungen im Rahmen der Ausstellung zum Thema Machtergreifung der Faschisten in Deutschland 1933 unter dem Titel »Gerade dich, Arbeiter wollen wir... . Das Interview führte Almut Jürries, Bildungsreferentin in Beverungen.

Almut Jürries: Kollege Ulrich, Du hast gestern einen Vortrag bei uns gehalten zum Thema "Faschismus und soziale Frage". Was genau ist die "soziale Frage" - und inwiefern ist sie mit diktatorischen Gesellschaften verknüpft?

Dr. Schneider: Bei der "sozialen Frage" handelt es sich um die gesellschaftliche Auseinandersetzung, die auch in den Betrieben ausgetragen wird, wie der erwirtschaftete Reichtum zur allgemeinen sozialen Absicherung verteilt wird. Und die Frage steht, ob Entscheidungen für die arbeitende Bevölkerung insgesamt angestrebt werden oder ob es eine Ausgrenzung aus politischen oder - wie im Falle des deutschen Faschismus - aus rassistischen Gründen von Menschen gibt, die nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörig bezeichnet wurden. Auch das Nazi-Regime erreichte die Zustimmung der Arbeiterinnen und Arbeiterschaft ja nicht allein durch Terror. Die Nazis mussten sich die Zustimmung auch "erkaufen" als sie die Pläne der Kriegspolitik umsetzen wollte. Entsprechende "Wohltaten" galten dann allerdings nicht für "Volksfeinde" und vor allem nicht für Zwangsarbeiter/innen, die in allen mittleren und großen Betrieben eingesetzt waren.

Almut Jürries: 500.000 Mitglieder in der IG Metall haben einen migrantischen Hintergrund. Das sind ein Viertel aller Mitglieder. Gleichzeitig haben wir auch viele Mitglieder mit einem geschlossenen rechten Weltbild bei uns. Was ist für dich die Aufgabe von Gewerkschaften in diesem Punkt? Wie meinst du, kann sie dieser Herausforderung begegnen?

Dr. Schneider: Die Gewerkschaften haben eine wichtige Verantwortung und nach meiner Auffassung derzeit drei zentrale Aufgaben:

  • 1. Sie müssen deutlich machen, dass alle Rechte in unserer Gesellschaft und natürlich auch die Rechte der Arbeiter/-innen für alle Menschen gelten, und nicht nur für Deutsche. Damit muss die Gewerkschaft selber eine klare "rote Linie" ziehen, wie sie es die IG Metall in der Kampagne "Respekt" bereits angelegt hat.
  • 2. Die Gewerkschaft muss offensiver erklären, dass die vorhandenen ökonomischen und politischen Probleme nicht durch "die Fremden" (wer auch immer das sein soll) verursacht sind, sondern Ausdruck der kapitalistischen Wirtschaft und Krisenentwicklung sind, und dass somit der "Gegner" also nicht der "Fremde", sondern das politische und wirtschaftliche System ist.
  • 3. Eine aktive gewerkschaftliche Interessensvertretung, zu der auch Arbeitskämpfe zur Durchsetzung der gemeinsamen Interessen gehören, ist eine unverzichtbare Aufgabe, da jeder Schritt realer Bewegung und jede eigene Erfahrung mehr wert ist als alle Programme, wie schon berühmte Theoretiker vor 130 Jahren formulierten. Die eigenen Kampferfahrungen der Mitglieder können dazu beitragen, auch falsche Frontstellungen zu überwinden.

Almut Jürries: In der Diskussion hast du ein Zitat von Martin Niemöller vorgebracht: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." Wie sich in der anschließenden Diskussion herausstellte, hat das viele Zuhörenden zum Nachdenken angeregt. Was können wir heute konkret dafür tun, dass das so nicht mehr geschieht?

Dr. Schneider: Als Gewerkschafter ist jeder Einzelne gefordert, nicht nur auf "die Politik" oder "die Organisation" zu verweisen, die das Problem lösen müsse, sondern selber im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen, im Umgang mit Vorgesetzten oder auch im privaten Bereich, an den "Stammtischen" ihr klare Kante zu zeigen. Niemand muss es hinnehmen, wenn rassistische Sprüche geklopft werden. Viel wichtiger ist es, mal offen solche Thesen zu kontern, damit sich die "Sprücheklopfer" nicht in Übereinstimmung mit der Mehrheitsmeinung wähnen. Aber gleichzeitig ist es unabdingbar, auch in der Organisation darüber nachzudenken, wie man solchen Stimmungen - ob im Betrieb oder in der Öffentlichkeit - begegnen kann. Man darf nicht erst bis zum Brandanschlag oder anderen gewalttätigen Übergriffen gegen Flüchtlinge oder Migranten warten. Schon vorher gilt es den Mund gegen Rassist/-innen, Neonazis oder Rechtspopulist/-innen aufzumachen - und selbst etwas anderes vorzuleben, das ist die bessere Antwort. Und dass sich das nicht allein auf Anhänger/-innen der NPD oder der AfD bezieht, das wissen doch die meisten von uns, oder?

Almut Jürries: Ich bedanke mich für das Gespräch und Dein Kommen.

Auf vielfachen Wunsch haben wir zum zweiten Mal die Ausstellung »Gerade dich, Arbeiter wollen wir... noch einmal ins Haus geholt. Sie wird vom 02. Mai bis 07. Juni 2017 zu sehen sein. Die Teilnehmenden und Gäste im IG Metall Bildungszentrum Beverungen nutzen diese Ausstellung hoffentlich als einen Anknüpfungspunkt zur Diskussion über unsere Rolle als Gewerkschaften in Sachen Rechtsentwicklung.